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China vermeldet ein Wirtschaftswachstum von nur noch 7,5 %. Herr Joffe schreibt daraufhin in der Zeit vom 18.07.2013 einen Abgesang auf China. Neben der problematischen Weltwirtschaftslage sieht Herr Joffe vor allem im Modernitarismus (wenn man schon Blödsinn schreibt, kann man auch gleich noch eine wunderbare Wortschöpfung einführen) eine Hauptursache für den kommenden Niedergang. Mit Modernitarismus meint er „das „asiatische Modell“ der „autoritären Modernisierung““ und wirft hier gleich mal Brasilien, Russland, Indien, Japan, Taiwan und Südkorea mit in den Topf der autokratisch geführten Staaten, egal ob da nun die eine oder andere Demokratie dabei ist. Japan wäre eh nur eine Pseudodemokratie! Wohlgemerkt schreibe ich hier über einen Artikel in der Zeit.
Für die These, dass der Modernitarismus anfangs für Wachstum sorgt, müssen dann noch Hitler und Stalin herhalten, immer nach dem Motto „Wir wissen ja wohin das geführt hat“. Die wirtschaftlichen Merkmale des Modernitarismus seien, „Unterkonsum, Überinvestition, Unterbewertung der Währung, Export über alles“. Nun übersieht Herr Joffe meines Erachtens, dass das prognostizierte reduzierte Wirtschaftswachstum in China gerade dadurch zustande kommt, weil China unter der neuen Führung von Xi Jinping und Li Keqiang auf mehr Inlandskonsum setzt und weniger auf den unbedingten Export setzen möchte.
Nun ist Herr Joffe als eingefleischter Transatlantiker bekannt, der schon immer der Meinung ist, dass die Europäer sich an den USA orientieren sollen, anstatt sich wirtschaftlich dem asiatischen Raum zuzuwenden. Dass VW wiederum sein Wachstum dem chinesischen Markt zu verdanken hat und keinesfalls dem nordamerikanischen passt natürlich nicht ins Bild. Apropos Automobilindustrie, ist nicht Detroit pleite gegangen und müsste nach Herrn Joffe nicht Dalian pleite sein?? Ich kann Herrn Joffe das Buch „Der erfolgreiche Abstieg Europas“ von Professor Sandschneider empfehlen, in dem Herr Sandschneider gründlich mit den Illusionen der Transatlantiker aufräumt.
Aber wie genau sind eigentlich die Prognosen zum Wirtschaftswachstum? Prinzipiell lässt sich sagen, dass die chinesische Regierung immer so viel Wirtschaftswachstum erreicht, wie sie prognostiziert, weil vieles davon zentral gesteuert ist. Die Zahlen lassen sich auch nur schwer überprüfen. Natürlich können wir messen, wie stark unser Import aus China ist und anhand dieser Werte den chinesischen Export einschätzen. Geht also der Import chinesischer Güter in Europa und den USA zurück, können wir auch davon ausgehen, dass die chinesische Exportwirtschaft nicht zugelegt hat. Der Inlandskonsum ist aber wesentlich schwerer einzuschätzen, da wir hier nicht allein unseren Export nach China zugrunde legen können. Klar ist aber, dass die chinesische Regierung bestrebt ist, die chinesische Wirtschaft unabhängiger vom Export zu machen und hierzu korrespondiert auch der Plan, in den nächsten Jahren 250 Millionen Menschen vom Land in die Metropolen, vor allem in die großen Städte im Osten zu locken.
Xi Jinping scheint die Zügel wieder mehr in Hand nehmen zu wollen und wieder mehr Macht zentral aus Beijing ausüben zu wollen. Die Freiheiten der Provinzen werden dadurch eingeschränkt werden. Die relativ freie Wirtschaft wird er aber nur schwer stärker zentral regulieren können. Das Ziel ist aber die wohl teilweise immense Verschuldung einzelner Städte und Provinzen in den Griff zu bekommen und die Geldwirtschaft, also die Kreditvergabe stärker zu regulieren. Dass dies zu Lasten von Wachstum geht ist unbestritten, aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. In China hat sich in den letzten Jahren eine Immobilienblase gebildet, die zusammen mit der Verschuldung einzelner Gemeinden und Provinzen einigen Zündstoff in sich trägt. Wir können davon ausgehen, dass die Immobilienkrise in den USA und die Folgen für die Weltwirtschaft und vor allem für die Wirtschaft Europas in China nicht unbemerkt geblieben ist und China bemüht sein wird ein ähnliches Szenario für China zu vermeiden.
Dass allerdings ein Wirtschaftswachstum unter 7% in China zu sozialen Unruhen führen wird, hält Minxin Pei für ein Ammenmärchen („How Much Slowdown Can Beijing Tolerate?“ Thediplomat.com):
http://thediplomat.com/2013/07/22/how-much-slowdown-can-beijing-tolerate/
Herr Joffe führt die Immobilienblase in China darauf zurück, dass wegen fehlender Kapitalmärkte Immobilien die einzige Geldanlage in China wären. Ich finde das einigermaßen drollig. Wo bitte fließen den die Ersparnisse in Deutschland zur Zeit hin, wenn nicht in Immobilien oder riskantere Aktienanlagen. Herr Joffe übersieht dabei, dass es auch in China die Möglichkeit gibt, sein Geld an der Börse anzulegen, da sich aber in der jüngeren Vergangenheit viele an der Börse verzockt hatten, ist diese Anlageform wie auch in Deutschland in der Gunst der Bürger gefallen.
China hat in der Zukunft mit großen Herausforderungen zu kämpfen und es wird sich zeigen, ob die neue Führung unter Xi Jinping und Li Keqiang die richtigen Antworten finden:
– Die Umweltverschmutzung wird ein immer größeres Problem und Felix Lee vermeldet aus China, dass immer mehr Europäer deshalb China den Rücken kehren, was nicht ohne Auswirkungen auf die Wirtschaft bleiben wird, aber auch für immer mehr Chinesen wird das ein zunehmend wichtiges Thema:
http://blog.zeit.de/china/2013/08/02/europaer-fluchten-vor-schlechter-luft-in-china/
– Der Inlandskonsum wird nur zulegen können, wenn die Löhne steigen und die Arbeitsbedingungen sich verbessern. Menschen in die Städte umzusiedeln wird nicht ausreichen, wenn diese dort keine adäquaten Lebensbedingungen vorfinden.
– Die Landwirtschaft leidet unter massiver Landflucht und dem Landverbrauch der Industrie mit der einhergehenden Umweltverschmutzung. Auch hier wird zu beobachten sein, wie die chinesische Regierung darauf reagiert. Die Tendenz zu landgrabbing in Afrika sollte von uns mit großer Sorge verfolgt werden.
– Die massive Korruption der Prinzengeneration versucht Xi Jinping bekämpfen zu wollen, aber wie ernst ist es ihm damit.
– Eine Frage wird auch sein, wie sehr und wie lange die Bevölkerung die massiven Menschrechtsverletzungen hinnehmen wird und in wie weit die ethnischen Minderheiten am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben werden.
– Die zunehmend ungleiche Verteilung von Wohlstand und die der ungleiche Zugang zu Bildung und damit zu zukünftigem Wohlstand birgt auch erheblichen Zündstoff.

Arbeitsbörse für Tagelöhner (Chengdu):

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Kinder von Wanderarbeitern machen Hausaufgaben auf der Straße (Chengdu):

 

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