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Heute habe ich einen Gastbeitrag zum Thema Gaokao. Die kleineren Fehler bitte ich zu verzeihen, ich wünschte ich könnte nur halb so gut Chinesisch wie Yin Deutsch:

Hallo

nun möchte ich etwas zum Gaokao-System von der Jiangsu-Provinz schreiben, denn dieses betrachte ich als das eigenartigste System in China.

Du weißt ja, dass das Gaokao normalerweise aus fünf Prüfungen besteht, in dem die Kenntnisse der Schüler über Sprache und Literatur, Mathe, Fremdsprache und zwei anderen Fächern, die man im zweiten Jahrgang in der Obermittelschule "GaoZhong" selbst ausgewählt hat, z. B. Chemie und Physik, getestet werden. Die Noten am Ende sind die Ergebnisse aus den fünf Prüfungen, die jeweils 150 Punkte betragen, also 750 insgesamt. Für ein "211-Uni" braucht man ungefähr 570 Punkte, für ein "985-Uni" jedenfalls über 600 Punkte. Eine Variation dafür ist, dass die Schüler in manchen Provinzen im zweiten Jahrgang drei Fächer auswählen sollen, dann machen sie in Gaokao eine sogenannte "Da Zonghe", also eine ganz zusammenfassende Klausur von den drei ausgewählten Fächern, sie beträgt 300 Punkte und zusammen mit Sprach und Literatur, Mathe und Fremdsprache (je 150 Punkte) sind die Noten auch 750 Punkte insgesamt.

2001 betonte das chinesische Bildungsministerium, dass man Maßnahmen treffen sollten, damit die Belastung der Mitschüler wegen starker Konkurrenz und Stress durch lernen vermindert werden konnte. Seit dann haben die Bildungsämter jeder Provinz neue Bildungssysteme eingeführt, wie z. B. keine Schule darf am Wochenende zusätzliche Nachhilfeunterrichte geben. Aber eigentlich ist das nur ein Trugbild, ein Show für das "Zentrale". Die Klasse ist dann nur aus den Schulen umgezogen. Denn private Schulen, die Nachhilfekurse bieten, sind nicht verboten. Das heißt auf Chinesisch "Shang you zheng ce, xia you duo ce", wörtlich der Obere gibt Politik, der Untere hat Gegenmaßnahmen. Man könnte fragen, warum sie so was getan haben, denn in der Wirklichkeit gibt es auch Konkurrenz zwischen Provinzen, d. h. die Rate der Hochschulaufnahmen jeder Provinz wird auch jährlich miteinander vergleicht. Welche Provinz mehre Schüler mit guten Noten in Gaokao hat, wird belohnt und bekommt auch mehr Fonds für das nächste Jahr.

2008 hat das Bildungsamt von Jiangsu ein neues Spiel eingesetzt, und zwar die Schüler brauchen in Gaokao nur drei Klausuren zu schreiben, also für Sprache und Literatur, Mathe und Fremdsprache. Das war damals eine echte Sensation. Die Beamter waren stolz darauf, denn in der Geschichte hat noch niemand den Mut, so ein "einfaches" System hervorzubringen, und die Schüler sollten auch davon profitieren, denn sie hätten jetzt keinen Stress, würden jeden Tag auch keine Überstunden zu Hause haben, das war einfach so toll.

Aber für jede Profit muss man auch Preis bezahlen. Einerseits macht man weniger Prüfungen in Gaokao, andererseits muss man vorher doch noch ein paar Stufen-Prüfungen ("Huikao", "Hui" heißt auf Chinesisch Sitzung) schreiben. Das heißt, die ausgewählten Fächer im zweiten Jahrgang werden vor dem Gaokao getestet und dann bekommt man eine Stufe wie A, B oder C. Das Problem ist nun, wenn man in irgendeinem Fach ein B bekommt, dann kann man den "211-Unis" schon Tschüss sagen, die "985-Unis" nicht zu erwähnen. Manchmal sieht man, dass jemand in Gaokao eine sehr gute Note bekommt, aber trotzdem ist er wegen ein B in Biologie für Tongji nicht qualifiziert. Er muss entweder an eine schlechte private Uni gehen, oder noch ein Jahr in der Schule wiederholen, um noch mal eine Chance zu haben, das Gaokao zu machen.

Eine Freundin von mir hat sich 2011 an das Gaokao in Jiangsu teilgenommen. Sie hat eine ganz hohe Note bekommen, aber für Chemie hatte sie leider nur ein B. So hatte sie keine Chance für ihre Traum-Uni. Noch schlimm war es, dass sie vorher so geplant hatte, im zweiten Studienjahrgang in Deutschland Architektur zu studieren. Aber die Voraussetzung außer Deutschkenntnisse dafür ist ausgerechnet es, dass man aus einem chinesischen 211-Uni kommt. Es ist auch nicht kaum zu sehen, dass die Schüler mit zwei A in Gaokao scheitern, obwohl sie mit Mühe und Not zwei A erhalten haben; oder dass die anderen mit einem B gar keine Chance haben, an gute Unis zu gehen, obwohl sie ganz tolle Noten in Gaokao haben. Sehr ironisch, nicht wahr?

Ich möchte nur fragen, ist der Unterschied zwischen einem A mit 90 Punkten und einem B mit 89,5 so deutlich und wichtig, dass zwei Schüler mit gleichen Noten völlig unterschiedliches Schicksale haben? So ein System gibt den Schülern nur mehr Druck, denn früher wenn man schlecht in Chemie machte, konnte man die verlorenen Noten noch in Mathe zurückholen. Aber jetzt wenn man Fehler in der Stufen-Prüfung macht, dann ist er schon erschossen, von dem Gaokao, vom Bildungsministerium, von guten Unis, und auch von sich selbst, denn man verliert Lust und Selbstbewusstsein, noch weiter zu kämpfen. Ja, das Gaokao ist in China wirklich ein Kampf, man hat 12 Jahre Schulzeit verbraucht nur für so ein blödes entscheidendes Ding. Außerdem ist das Gaokao oft auch nicht nur der Kampf vom Mitschüler, sondern auch das Gaokao der ganzen Familie. Keine guten Noten bedeuten keine gute Uni, und dann keine gute Arbeit, kein Geld, niedrige Stellung in der Gesellschaft, kein Wohlgefühl im Leben, ein total misserfolgreiches Leben… so meinen viele von uns. Jedes Mal wenn ich zurück in meine Schulzeit schauete, hatte ich nur Angst, das war keine schöne Erinnerung. Ich habe Glück gehabt, denn so ein abnormales Gaokao-System wurde damals noch nicht durchgeführt. Ich freue mich auf der anderen Seite aber auch darüber, dass ich damals so ein blöder Junge war und außer lernen wusste ich eigentlich gar nichts Anderes. Wenn ich damals so viel an das Bildungssystem dächte oder ein bisschen rebellisch wäre, hätte ich auch keine guten Noten bekommen können.

Hier zwei Bilder im Anhang.

Bild 1: Nachhilfe-Materialien für Gaokao. Bild 2: Warteschlange der Eltern vor den Prüfungssälen.

Viele Grüßen aus dem heißen Nanjing

Yin

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