Liebe Freunde meines Blogs,
der heutige Beitrag wird sich mit dem China-Traineeprogramm befassen und ich bitte alle, die damit nichts zu tun haben um ein wenig Nachsicht und alle die das Programm schon kennen um Vergebung, wenn ich zuviel Bekanntes beschreibe.
Die Ziele des China-Traineeprogramms kann man am besten auf der Seite des Programms selbst nachlesen. Ich möchte heute von meiner ersten Begegnung mit „meiner“ Trainee Lin berichten und der ersten Kontaktaufnahme. Ich war damals noch etwas unbedarft und im Nachhinein gibt es schon ein paar Sachen, die heute vielleicht anders machen würde, aber warum eigentlich? Wir sind super miteinander ausgekommen und stehen heute noch in regem Kontakt.
Als ich im Juni 2011 meine erste Mail an Lin geschickt habe, hatte ich mich auch erkundigt, wie denn das Treffen der Trainees und Alumni in Wuhan gewesen ist und damit hatte ich Lin gleich in Verlegenheit gebracht, denn sie war zu dem zeitpunkt schon in Deutschland und fürchtete nun, ich könnte ihr das übelnehmen, dass sie nicht am Vorbereitungstreffen teilgenommen hat. Sie gestand mir also, dass sie schon in Heidelberg wäre, aber in Kontakt mit den Alumni in Wuhan sei. Da ich nun vorhatte einen Freund in Frankfurt zu treffen, war ich natürlich begeistert von der Idee, einen Abstecher nach Heidelberg zu machen und mich schon mal mit Lin zu treffen. Ob Lin von der Idee auch so begeistert war, weiß ich bis heute nicht, aber wir haben uns später doch das eine oder andere mal über unser erstes Treffen amüsiert.
Wir verabredeten also ein Treffen in Heidelberg, ich habe mitgeteilt, wann ich mit dem Zug eintreffen werden und Lin hatte gesagt, sie würde mich dann abholen.

Mein alter Freund in Frankfurt meinte zu mir noch, wie ich sie denn erkennen wolle, Chinesen sähen doch fast alle gleich aus und ich wüsste doch gar nicht wie sie aussehe. Unterwegs habe ich mir dann gedacht, dass dieses Problem sich sicher dadurch löst, dass an dem Gleis sicher nicht unzählige Chinesinnen warten werden. Am Gleis war aber niemand! hatte sich Lin verspätet? Hatte ich das korrekte Gleis genannt? Hatten wir uns in der Halle verabredet? Also auf Richtung Halle…

Oben stand dann eine ziemlich traditionell gekleidete Chinesin und die Treppe rauf kam ein ziemlich salopp gekleideter Deutscher. Da sonst kaum jemand in der Nähe war, war uns gleich klar, dass sich Mentor und Trainee gefunden hatten. Nun hatte ich eigentlich eine junge moderne Studentin erwartet und Lin hatte einen korrekt gekleideten zukünftigen Chef erwartet. Für Lin war das Treffen also viel offizieller und der Stellenwert viel höher als für mich und ich wollte natürlich eher auf der Ebene eines Freundes erscheinen als auf der eines Mentors oder eines Chefs. Wir wußten zunächst also nicht, wie wir jetzt miteinander umgehen sollten.

Ich habe daraus gelernt, dass die Rolle des Chefs in China eine andere ist als bei uns, wo es häufig ein primus inter pares ist. Man sollte aber auch den Trainee nicht überfordern indem man gleich alle gewohnten Rollenbilder über den Haufen wirft, heute würde ich mich vielleicht etwas besser kleiden, um den Erwartungen an ein solches erstes Treffen gerechter zu werden.

Wir sind also erst einmal ein bisschen durch Heidelberg gelaufen und haben versucht eine Unterhaltung zu Wege zu bringen, immer natürlich vorsichtig darauf bedacht, keine Fehler zu machen, man hört so viel, was man alles falsch machen kann. Meine Erfahrungen mit Unterhaltungen mit Chinesen war freundlich ausgedrückt begrenzt und Lin hatte nun auch nicht wirklich viel Konversation mit Deutschen in Deutschland und dann natürlich das unbekannte Trainee-Mentoren-Verhältnis. Kurz gesagt, war die Unterhaltung eine ziemlich steife angestrengte Angelegenheit.

Gehen wir lieber Essen. Italienisch? Ja. Oder lieber chinesisch? Ja. Oder vielleicht doch eher Deutsch? Ja. Aha!

Das deutsche Lokal, das wir dann ansteuerten war sehr nett, aber später hat mir Lin gestanden, dass ihr die chinesische Variante eher zugesagt hätte. Immerhin gab es dort Maultaschen und da diese den Jiaozi ähnlicher sind als alles andere, was es dort gab, hatte Lin zumindest etwas gefunden, was für eine Chinesin annehmbar ist. Beim Essen ist dann auch endlich eine normale Unterhaltung entstanden. Essen und Reden passt eben gut zusammen.

Alle, die Lin kennenlernen durften wissen natürlich, dass Lin mit Fragen nicht hinterm Berg halten kann, aber nach der ersten steifen Begegnung habe ich mich dann doch etwas gewundert. Ziemlich zu Anfang hat Lin mich gelobt, dass ich sie nicht gleich zur Menschenrechtsfrage in Tibet befragt hätte und zur menschenrechtslage in China im Allgemeinen und zu Freiheit und Pressefreiheit. Hoppla, dachte ich da, hätte ich das tun sollen? War es am Ende vielleicht unhöflich, nicht gleich dannach zu fragen? Ich sprach ihr daruf erstmal meinen Dank aus, nicht gleich das Thema Nationalsozialismus, Neonazis und Ausländerfeindlichkeit angesprochen zu haben. Die Stimmung wurde langsam gelöster und nachdem die Themen erstmal geklärt waren, konnten wir uns normal unterhalten.

Aber das Bild, das sich Deutsche von China machen hat Lin während ihrer ganzen Zeit in Deutschland sehr beschäftigt.

Im Jahr darauf kam Yin zu uns und durch Lin waren wir beide schon viel besser aufeinander vorbereitet. Lin hatte uns beide instruiert, bevor wir uns begegnet sind.

Lieber alter Freund in Frankfurt (ehemals, nun im Norden), Chinesen sehen nicht alle gleich aus, haben ganz unterschiedliche Essgewohnheiten und sehen die Welt auf die unterschiedlichste Art und Weise in Milliarden Facetten.

Bild97 Lin und Yin

Chinesen sind ganz normale Menschen und man sollte sich vor lauter interkultureller Vorbildung nicht so blockieren, dass man nicht mehr miteinander umgehen kann. Fehler macht man sowieso, wichtig ist nur, dass man sich dessen bewusst wird. Und später kann man gemeinsam drüber lachen!

 

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