Ich melde mich nun aus Chengdu, wo wir heute Nachmittag angekommen sind. Chengdu ist zum Glueck von dem Erdbeben nicht betroffen, aber es ist noch nicht ganz sicher, ob und wie wir zum Emei-Shan kommen, den wir uebermorgen erwandern wollen. Die Strasse dorthin ist fuer den Verkehr gesperrt, und steht nur den Hilfstransporten zur Verfuegung, wie ich gehoert habe. Es gibt aber anscheinend einen Zug, mit dem wir dorthin fahren koennen. Morgen werden wir uns aber erstmal Chengdu anschauen oder in ein Pandaschutzgebiet fahren.

Chengdu liegt drei Zeitzonen von Beijing entfernt, hat aber die gleiche Beijinger Zeit. Es wird also Morgens laut Uhr spaet hell, aber dafuer ist es Abends lange hell. Jetzt um Mitternacht sind es immernoch circa 18 Grad und ich kann am offenen Fenster sitzen, bin allerdings kein Stueck muede, da es ja eigentlich erst 21:00 Uhr ist……

In Shanghai war das Wetter recht durchwachsen, so konnte man gestern im T-Shirt gehen, aber Abends als es anfing zu regnen, wurde es doch etwas kuehl.

Gestern durfte ich noch einen kleinen Vortrag mit Diskussion am CDHK der Tongji University halten und es waren zwar nicht viele Studierende da, aber dafuer sehr wache und interessierte. Es hat mich schon erstaunt, wie offen diese jungen Studierenden uber soziale Ungerechtigkeiten, Meinungs- und Pressefreiheit und die falsch verstandene gesellschaftliche Harmonie in der chinesischen Gesellschaft diskutiert haben, ohne dass man die Diskussion selbst anstossen musste. Diese junge Generation von Akademikern, die in eine ungewisse Zukunft mit Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlten Aushilfs- oder Praktikumsstellen sehen, birgt einen nicht zu unterschaetzenden sozialen und politischen Sprengstoff. Aber ich glaube, die neue chinesischen Fuehrung ist sich dessen durchaus bewusst und wird nicht unerhebliche Anstrengungen unternehmen, um diesen jungen Leuten eine Zukunftsperspektive aufzuzeigen.

Aber das nur am Rande. Es gibt auch immer wieder merkwuerige und kuriose Dinge in China zu sehen. So habe ich noch niemals vorher jemanden in voller Fahrt aus dem Taxifenster kotzen sehen, Glueckwunsch an die nachfolgen Mopedfahrer. Und was die Kueche angeht, mache ich Fortschritte, aber man muss ja nicht alles essen. Qualle habe ich nun auch probiert, aber ich werde es nicht wieder tun. Ich fand es eigentlich nur zaeh, knorpelig und ziemlich geschmacksneutral. Ochsenfrosch werde ich aber nicht essen, wenn es sich vermeiden laesst. Die gruehmte Sichuankueche wird ebenfallsnicht mein Favorit, da es mir insgesamt einfach zu scharf ist und ich esse eigentlich gerne scharf. Vieles schmeckt aber einfach nur nach Oel, Chillies und Sichuanpfeffer, der einem die Zunge betaeubt. In Shanghai waren wir nach dem Vortrag in einem Restaurant mit Sinkiangkueche, was schon eher meinem Geschmack entspricht. Und langsam ist es soweit, dass ich mich nach einem einfachen Salat sehne, nichts besonderes, nur ein paar Tomaten ein paar Blaetter Gruenzeug und ein einfaches Salatdressing.

Mein Hotelzimmer hier in Chengdu ist auch recht kurios. Eigentlich haette ich mir das denken koennen, bei der Zimmernummer 8888. Es handelt sich um so eine Art Flitterwochen oder Hochzeitszimmer mit runden Bett und wirklich sehr spaerlicher Beleuchtung, ich frage mich, wie ich hier ein Buch lesen soll. Die spaerliche Beleuchtung hat aber den Vorteil, dass man Abends den Teppich nicht gut sieht, dessen urspruengliche Farbe ich nicht mal erraten kann. Jetzt chargiert es zwischen dunkelbraun und hellem beige in wilden Mustern, die von vergangenen Feiern, Getraenken, Mahlzeiten etc. berichten. Barfuss wuerde ich hier nur unter Zwang laufen. Der Fernseher ist aber immerhin einen Meter breit und einen Computer gibt es auch, ich frage mich, wie chinesische Flitterwochen aussehen. Son nun werde ich noch versuchen das Zimmer so umzugeatlten, dass ich irgendeine Form von Licht ans Bett bringe, um noch ein paar Seiten zu lesen und melde mich hoffentlich in Kuerze auch mit ein paar Bildern.

Uebrigens ist es auch ganz spannend mit einem Computer zu arbeiten, der nur chiesische Menues hat und zwischendurch immer wieder versucht, meine Eingaben in chinesische Schriftzeichen umzuwandeln, merkwuerdiger weise, aber nur gelegentlich und mithilfe zweier Figuerchen, die aussehen wie in diesen alten Liebe ist Cartoons….

Viele Gruesse, diesmal aus Chengdu

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